Review: Afrika! Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung

Sturmer, Martin (2013): Afrika! Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung. Konstanz; München: UVK Verlagsgesellschaft. 192 Seiten, ISBN: 978-3-86764-323-8

Review von Michael Waltinger

Afrika! „[D]as ist der Kontinent von Hunger und Elend, das Rückzugsgebiet von machtgierigen Diktatoren, die Brutstätte von Kriegen und Gewalt.“ (S. 11.). Mit diesem Satz fasst Sturmer die Muster gängiger Afrikaberichterstattung in den deutschsprachigen Medien zusammen. Aber weshalb ist diese so monoton, wie sie ist?

Sturmer fragt vor dem Hintergrund zunehmender redaktioneller Sparmaßnahmen, ob ein differenzierter Afrika-Journalismus (Auslands-korrespondenten, Reisekosten, usw.) überhaupt zu bewerkstelligen ist. Die Antwort nimmt er vorweg: „Ja. Wie? Durch einen einfachen Wechsel der Perspektive“ (S. 11). Er schlägt vor, die Afrika-Berichterstattung nicht über Auslandskorrespondenten zu lösen, sondern afrikanische Journalisten selbst über ihre Heimatländer berichten zu lassen. Das spare nicht nur Unterhaltskosten für teure Auslandsbüros – die Berichterstattung gewönne auch an Qualität und Authentizität. In Zeiten von Internet und Social Media sei dies ohnehin schon „längst keine Frage des Könnens mehr, sondern schlicht eine des Wollens“ (S. 11). Die Beweisführung hierfür anzutreten ist Ziel des Buches.

Das aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive verfasste Werk analysiert hierzu zunächst recht knapp publizistische Trends, die für die derzeitige Afrika-Berichterstattung verantwortlich sind (Kap. 2). Das sind zum einen eine durch wirtschaftlichen Druck schwindende Zahl an Auslandskorrespondenten und ein damit zusammenhängender Fallschirmjournalismus. Zum anderen macht Sturmer einen zunehmenden deutschen Regional- und Lokalfokus aus. Letzteres sei ein journalistischer Trend, der sich an medienökonomischen Motiven (Publikumsnachfrage) ausrichte. Ein geringes Interesse für Auslandsberichterstattung sodann recht pauschal an vermeintlich niedrigen TV-Marktanteilen von Weltspiegel (ARD), Auslandsjournal (ZDF) und Weltjournal (ORF) zu exemplifizieren erscheint jedoch fragwürdig.

Interessiert sich doch einmal jemand für Afrika, so Sturmer, dann nur im Katastrophenfall. Dabei ist Afrika „im Aufwärtstrend – eine Entwicklung, von der Medienkonsumenten im deutschsprachigen Raum so gut wie nichts mitkriegen“ (S. 25). Wie es zu derartigen Verzerrungen zwischen medialer Berichterstattung und afrikanischer Lebensrealität kommt, analysiert Sturmer in einer profunden inhaltlichen Bestandsaufnahme eines defizitären Afrika-Journalismus (Kap. 3). Problematische Strukturmerkmale der Berichterstattung (nach Hafez, 2005) sind die Überbetonung negativer Aspekte (so genannte ‚K-Themen’: Kriege, Krisen, Katastrophen, Krankheit, Korruption, Kriminalität). Dazu kommt, dass über Afrika im Gegensatz zu anderen Weltregionen wenig berichtet wird – und wenn, dann nur über ausgewählte Eliteländer (Regionalismus und Metropolenorientierung). Im Falle einer Berichterstattung findet eine Konstruktion von Afrika als ‚Kontinent der Diktatoren’ statt; d.h. ein Fokus auf Regierungen, Militär oder Rebellen bei gleichzeitiger Marginalisierung nichtorganisierter Teile der Gesellschaft (Politik- und Elitenzentrierung). Die Vernachlässigung von politischen, ökonomischen, sozialen oder kulturellen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen führt darüber hinaus zu einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit Katastrophen und Entwicklungsfragen (De-Kontextualisierung). Neben diesen Strukturmerkmalen kritisiert Sturmer die ebenso von Negativismus als Kernmotiv dominierte Bildauswahl der Afrikaberichterstattung, bei der zwischen Safari-Traum, blutrünstigen Kriegern und wasserbäuchigen Kindern kein Platz für afrikanische Wissenschaftler oder Wirtschaftsexperten zu sein scheint. In der Berichterstattung vorzufindende unreflektierte sprachliche Verfehlungen, die auf kolonialistische oder rassistische Konzepte zurückgehen, tragen weiter zu einem verzerrten Afrikabild bei: Seien dies der ‚Stamm’, der eine niedrigere Stufe der Entwicklungsleiter suggeriert, die ‚Buschmänner’ (für die selbiges gilt), der ‚schwarze’ Kontinent (dunkel, böse, unheimlich) oder die ‚Dritte’ Welt (Unterentwicklung aus westlicher Sicht).

Problematisch sind vor allem die Folgen einer so gelagerten Berichterstattung, denn so entstehen „Vorurteile, die Afrika und seinen Menschen schaden“ (S.55). Eine übermäßige Risikobetonung behindern Handel und Tourismus, Betroffenheitsmüdigkeit beeinflusst die Spendenbereitschaft bei humanitären Krisen negativ, medial konstruierte Stereotype können die Integration von Menschen afrikanischer Herkunft in deutschsprachigen Ländern hemmen.

Auf diese inhaltliche Ist-Analyse setzt Sturmer kommunikationswissenschaftliche Grundlagen auf (Kap. 4), in denen er solide – theoretisch und mit vielen Beispielen aus der Afrika-Berichterstattung – darlegt, wie die Nachrichtenselektion sowie der Einfluss von Nachrichten auf das öffentliche Diskussionsklima zu erklären sind. Er beginnt im Kleinsten – bei der Nachricht selbst. Welche Eigenschaften von Ereignissen bestimmen deren Selektion (Nachrichtenwerttheorie bzw. Nachrichtenfaktoren)? Weiter geht es über mediale Strukturen und individuelle Journalistenpräferenzen (Gatekeeper-Forschung und News-Bias-Ansatz) bis hin zur Wirkung der journalistischen Selektion auf das Publikum (Agenda-Setting, Framing).

Als letzten Baustein vor dem Schlussplädoyer analysiert Sturmer überzeugend die Rolle, die unterschiedliche Akteure in der Afrika-Berichterstattung spielen (Kap. 5). Ein Großteil der Auslandsberichterstattung basiert auf den Informationen von Nachrichtenagenturen – hier dominieren die ‚westlichen Schwergewichte’ DPA, AP, AFP und Reuters, was zu einem Ungleichgewicht auf dem globalen Nachrichtenmarkt führt. Unterschiedliche Versuche, hier Gleichgewicht herzustellen (NWICO, PANA), bleiben letztlich erfolglos. Aus Unwissen über den Kontinent resultiert ein Desinteresse von Abnehmerredaktionen an Afrika-Themen. Es wird sich lieber an internationalen Leitmedien orientiert – das gibt Sicherheit, auf die ‚richtige Agenda’ zu setzen. Internationale Hilfsorganisationen als Kommunikatoren mit lokaler ‚Expertise’ neigen schon allein aus Eigeninteresse zu Negativismus und Übertreibungen: Um an Spendengelder zu kommen ist die Betroffenheitsmüdigkeit zu überwinden. Von afrikanischen Nationen beauftragte internationale PR-Agenturen, die Fakten um Krisen kommunikativ verzerren, tragen jedoch ebenso wenig zu einem realistischen Afrika-Bild bei.

Zuletzt wendet sich Sturmer dem Hauptanliegen des Buches zu: Der Beweisführung, dass eine differenzierte Afrika-Berichterstattung möglich ist (Kap. 6). Dass ein Rückgriff auf lokale Korrespondenten als Hauptinformationsquelle trotz mangelnder Medienfreiheit in vielen afrikanischen Nationen möglich ist, führt er auf technologische Errungenschaften zurück: Mobiltelefon und Internet machen die Nutzung von Skype, Twitter oder Facebook und damit sowohl die Verfügbarkeit von Informationen als auch die Kontaktaufnahme mit lokalen Journalisten und/oder Bürgerjournalisten einfacher. So wird ‚open’ bzw. ‚networked journalism’ mit lokalen, authentischen Sichtweisen möglich. Dass sich ein solcher Ansatz letztlich auch in einer differenzierten Berichterstattung niederschlagen kann, zeigt Sturmer, indem er zunächst eine Inhaltsanalyse von Beiträgen der Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS) – welche auf von lokalen Journalisten verfasste Beiträge setzt – durchführt. Vergleichsgröße für die Inhaltsanalyse sind die Analysen (deutscher) Leitmedien von Mükke (2009) und Glodzinski (2010) – beides Studien, auf welche sich der Autor in weiten Teilen des Buches bezieht. Auf die Inhaltsanalyse, die Unterschiede zwischen den Beiträgen deutscher Leitmedien und jenen von IPS im Sinne einer differenzierteren Berichterstattung zeigen konnte, setzt Sturmer eine Medienresonanzanalyse dieser Beiträge bei den Salzburger Nachrichten (SN) auf. Als Ergebnis sieht er eine Veröffentlichungsquote von lediglich 7,7 Prozent. Dieser Umstand weist auf die Schwierigkeit hin, dass sich für Angebote wie das von IPS kaum jemand zu interessieren scheint. Sturmer berichtet hier von der eigenen Nachfragesituation bei seiner Nachrichtenagentur afrika.info, welche die Afrika-Beiträge von IPS-Deutschland in Österreich an über 30 Redaktionen verbreitet: „der Großteil nutzt das angebotene Material gar nicht oder nur sehr sporadisch“ (S. 142).

Letztlich hält „Afrika!“ die Messlatte, die der Autor sich auf dem Buchdeckel selbst legt: Es ist ein Plädoyer – logisch hergeleitet und gut argumentiert. Lediglich das angehängt wirkende Kapitel 7 (bestehend aus vier Seiten) zur viralen Social Media-Kampagne gegen Joseph Kony (2012) hätte der Autor besser im Kontext seiner Überlegungen zum Potenzial von Social Media in der Afrika-Berichterstattung diskutieren können. Auch die zu detaillierten Ausführungen zu Struktur und Geschichte von IPS hätten weniger langatmig sein dürfen, tragen sie doch kaum zur Zielerreichung des Buches bei.

Share, remember and recommend:
  • Add to favorites
  • Print
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MySpace
  • del.icio.us
  • Tumblr
  • PDF

Next issue

Call for Papers for Spring/Summer 2016 issue: Refugees, Migration and the Media

You are invited to send full paper submissions for topics related to our call on Refugees, Migration and the Media for consideration for the next issue until February 29, 2016.

Please refer to our call in Deutsch and English.

Please check our styleguide D / ENG.

Book on Demand

The articles of the special issue "Der Nahostkonflikt und die Medien" (Vol.4, No.1) can be ordered in a book for €12,90.
ISBN 978-3-7357-3918-6

Der Nahostkonflikt und die Medien

Affiliation

The Global Media Journal (GMJ) is the official publication of the Global Communication Association (www.globalcomassociation.com).

The German Edition is edited by Prof. Dr. Carola Richter and Dr. Christine Horz.

The Content of GMJ-DE is indexed by
EBSCO DOAJ

CC-BY-NL- BY-NL

RSS-Feed

RSS Feed Subscribe RSS-Feed

Newsletter

Name
E-mail
Get information on the current Call for Papers and the current issues of the GMJ-DE.